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Über 150 Jahre Salz von der Alb

Das Stettener Salzbergwerk ist eines der ältesten in Deutschland

Salz gibt es in Deutschland in unvorstellbaren Mengen. In mächtigen und ausgedehnten Schichten lagert es unter der Erde. In den undurchlässigen Mineralablagerungen kann man aber nicht nur Erdgas oder die Bundesreserven an Rohöl lagern. Seit über 150 Jahren wird Salz in Stetten bei Haigerloch bergmännisch abgebaut.

Der Ortsfremde wird sich vielleicht darüber wundem, daß durch das enge Eyachtal auf der Zollernalb bis heute eine Eisenbahn in Betrieb ist, die sich Hohenzollerische Landesbahn nennt. Die Erklärung dafür, daß diese Nebenstrecke nicht wie viele andere stillgelegt ist, kann er ein paar Kilometer außerhalb von Haigerloch finden, wo mitten in der landschaftlichen Idylle eine überra­schend große Industrieanlage auftaucht: Dutzende von Eisen­bahnwaggons stehen auf Abstellgleisen, viele der einheitli­chen Selbstentladewagen sind mit einem weißen Material gefüllt, das wie Schnee oder Gips aussieht. Das Salzbergwerk Stetten ist das älteste und gleichzeitig das kleinste Salzbergwerk in der Bundesrepublik. Ihm vor allem verdankt das Tal die Eisenbahn, und nur durch sein Frachtaufkommen ist sie heute noch in Betrieb.

Viel mehr als das, was sich über der Erde tut, wird man normalerweise kaum von diesem Bergwerk zu sehen bekommen. Besichtigungen sind nicht möglich. Leider - denn so wird kaum jemand dazu angeregt, seine Phantasie zu bemühen und sich vorzustellen, daß etwa hundert Meter unter der Talsohle eine acht bis fünfzehn Meter mächtige Salzschicht liegt, die sich auf einer Fläche von 180 Quadratkilometern ausdehnt. Aber nur auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern wird das Steinsalz abgebaut. Im Jahre 1854 hat man mit den bergbaulichen Aktivitäten begonnen. Aber erst im Jahre 1858 konnte das erste „Königlich preußische Siedesalz“ produziert werden. Inzwischen sind die Abbaukammern, die sich durch  die Salzgewinnung ergeben haben, auf eine Länge von 170 Kilometern angewachsen.

Mit „Glück auf!", dem traditionellen Bergmannsgruß, verabschiedet uns der Werksleiter, Alfred Höllerbauer, der seit zwei Jahren diese Position inne hat.

360 Meter lang geht es mit einem allradgetriebenen Geländewagen in einem Gefälle von 33 Prozent bergab.

Für Fahrer Wolfgang Maute ist das alles Routine. Ungerührt zuckelt er bergab. Unten angekommen fahren wir auf einer Strecke (das ist der bergmännische Ausdruck für die unter Tage aufgefahrenen Wege) durch das Tunnelsystem. Wer mit der Zunge die ausgetrockneten Lippen nass macht, schmeckt schon die salzige Luft.

  Wir passieren zunächst die Statue der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute. Die Temperatur hier unten ist erstaunlich angenehm, und auch die Luft läßt sich gut atmen. Wolfgang Maute klärt mich auf: Über den alten senkrechten Schacht wird Frischluft zugeführt - in der Bergmannsprache „Wetter" genannt; diese erwärmt sich in der 15-17 Grad warmen Grube und strömt durch den Schrägschacht wieder nach oben.

Daß hier Salz abgebaut wird, schmeckt man mittlerweile nicht nur, sondern sieht es auch: in den grau, braun und schwarz melierten Schichten glitzert das Salz im Scheinwerferlicht auf.

Die Stettener Salzlagerstätte enthält 92 bis 94 % Natriumchlorid (NaCl). Durch die untertägigen Aufbereitungsanlagen wird es auf über 98 % angereichert und ist daher als Industriesalz und Streusalz für den Straßen-Winterdienst sehr gut geeignet.

Immer weiter fahren wir in die säuberlich aus dem Salz gebrochene Strecke     hinein. Doch was heißt Salz. Was ich im Scheinwerferlicht aufleuchten sehe, liest sich in einer wissenschaftlichen Abhandlung über das Salzbergwerk Stetten so: „Das eigentliche Lager besteht aus grobspältigem Steinsalz mit geringem CaS04- und Tongehalt. Bemerkenswert ist hier eine meist deutlich ausgebildete Vertikalstreifung von hellen und dunkleren, jeweils etwa ein Dezimeter starken La­gen, die auf eine spätere Umkristallisation der ursprünglichen Lagerstätte schließen lassen. Gelegentlich finden sich auch, unregelmäßig verteilt, hellweißliche, absolut reine Klarsalzpartien, die unten einen schwarzgrauen „Bodensatz“ von Ton und Anhydrit aufweisen. Ferner treten säulen- bis sackförmige Einlagerungen von Salzton auf, die in den Bergwerken am unteren Neckar in noch größerem Maße ausgebildet sind und dort als „Mann im Salz“ bezeichnet werden."

Nachdem wir etwa vier Kilometer unter Tage gefahren sind, treffen wir auf die ersten Sprenghauer. Sie bereiten gerade eine Sprengung vor. Im Salzbergwerk Stetten arbeiten fünfzig Bergleute - im Fachjargon Hauer genannt — in zwei Schichten. Nur bei erhöhtem Streusalzbedarf im Winter wird auch in drei Schichten gearbeitet.

Viele von den Stettener Hauern sind bereits in der vierten Generation im Bergbau tätig. Sie verdanken ihren Arbeitsplatz dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV., der um 1850 im ganzen Königreich Preußen- „die Durchforschung der unterirdischen Bodenschätze, auch zur Hebung des Gewerbefleißes" anordnete. Seit 1850 gehörten auch dem Fürstentümer Hohenzollern-Hechingen und Hohenzollem-Sigmaringen zu Preußen. Und so wurden nicht nur bei Staßfurt südlich von Magdeburg reichhaltige Steinsalzlager erschlossen, sondern auch in den hohenzollerischen Landen. Daß es hier ebenfalls Salzlager geben mußte, schloss man aus den Salinen in den nahegelegenen altwürttembergischen Orten Sulz, Rottweil und Bad Dürrheim sowie aus den guten Erträgen der neuen Saline Wilhelmshall am oberen Neckar.

Die Suche nach Salz und der Aufbau des Werkes in Stetten im Jahr 1852 wurden vom preußischen Staat in eigener Regie unternommen. Rund siebzig Jahre später, 1924, ging der Betrieb an die Preußische Bergwerks- und Hütten AG, die heutige Preussag, über. Die Preussag verpachtete dann die Anlage an die Dr.-Alexander-Wacker-Gesellschaft für elektrochemische Industrie in München, die heutige Wacker-Chemie. Diese Firma deckte in Stetten ihren Bedarf an Steinsalz für die Chlor-Alkali-Elektrolysen ihres Werkes im bayerischen Burghausen. Im Oktober 1960 kaufte die Wacker-Chemie das Werk Stetten.

Seit über 150 Jahren wird hier nun der Erde das Salz wieder entnommen, das sich dort vor rund 250 Millionen Jahren abgelagert hat. Damals reichte von England bis Polen ein Urmeer, das Zechstein-Meer. Einer seiner Ausläufer drang bis in den süddeutschen Raum vor. Über Jahrmillionen hinweg veränderte dieses relativ flache Meer immer wieder seine Gestalt. Durch die Verschiebung der Erdplatten wurden wiederholt ganze Teile abgetrennt.

In dem damals heißen und trockenen Klima verdunstete das Meerwasser, und das Salz lagerte sich ab. Das Salz wurde dabei immer wieder überflutet. Damit sich so eine Salzschicht von einem Meter bilden konnte, mußte eine Wassermenge von 62 Meter Höhe verdunsten. Im Norden der Bundesrepublik, in den neuen Bundesländern und in Polen gibt es Salzschichten in einer Mächtigkeit von mehreren hundert Metern. Obwohl die abbauwürdige Salzschicht unter Stetten damit nicht konkurrieren kann, zählt das Salzbergwerk zu den leistungsstärksten der Bundesrepublik.

Wenn die Schwaden nach der Sprengung abgezogen sind, fah­ren die Kumpel in die Grube ein. Wie sie sich in dem Gewirr der 170 Kilometer langen unterirdischen Straßen zurechtfinden, ist mir ein Rätsel. Wolfgang Maute erklärt uns, daß alle Strecken im rechten Winkel zueinander angeordnet sind. An den Wänden der von Nord nach Süd verlaufenden Straßen sind Buchstaben angebracht, und an denen, die von Ost nach West verlaufen, Zahlen. Das „Straßennetz" ist damit nach dem gleichen System aufgebaut wie das von New York, in dem man sich, hat man sich erst einmal daran gewöhnt, problemlos zurechtfindet.

Unsere nächste Etappe in dem gespenstischen Wegelabyrinth ist die Brechstation. Hier wird das Haufwerk, also das gesprengte Material, in Brocken von etwa dreißig Zentimeter Durchmesser gebrochen. In der Mahl- und Siebanlage entstehen dann drei verschiedene Korngrößen: Streusalz, Feinsalz und Grobsalz. 500.000 Tonnen Steinsalz werden jährlich über die Transportbänder nach oben gefördert.


Brechstation zum Zerkleinern der Salzbrocken nach dem Sprengen

Schon unter Tage werden die einzelnen Sorten klassiert, sortiert und gelagert: da gibt es Chemiesalz, Futtermittelsalz, Gewerbesalz, Lecksteine und eben Streusalz. Die Speisesalzherstellung wurde aus wirtschaftlichen Gründen schon vor Jahren eingestellt. Abnehmer für das Industriesalz sind vor allem Chemieunternehmen mit Chlor-Alkali-Elektrolysen. Natriumchlorid, also Salz, ist bis heute der Rohstoff zur Herstellung der Basischemikalien: Chlor, Wasserstoff und Natronlauge. Diese dienen direkt oder indirekt zur Produktion von Glas, Zellstoff, PVC, pharmazeutischen Wirkstoffen oder Reinstsilicium für die Weiterverarbeitung zu Solarzellen oder Computer-chips.

Obwohl das Stettener Salz also ein nach wie vor begehrter Rohstoff ist, werden nur 30 Prozent des abbauwürdigen Salzvorkommens auch wirklich ausgebeutet: siebzig Prozent bleiben in dem selbst tragenden Bergwerk als Pfeiler vor Ort. Seit einigen Jahren werden diese Pfeiler durch die Baustoffeigenschaften von mineralischen Abfällen unterstützt, welche als Versatz  (Füllung der unterirdischen Hohlräume) im Salzbergwerk Stetten verwertet werden.



Der erste Zug, welcher das Salz vor 70 Jahren zum Schacht transportierte.

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Aktualisierungsdatum  11.09.2011
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