Lockruf der alten Bulldogs und Schlepper
Den
Hirrlinger Schwungradfreunden faszinieren die alten Ackergeräte mit
Dieselduft und hustenden Sound

"Töck,
töck, töck“, holpert der treue alte Motor noch fast 45 Jahren nachdem in
Mannheim der letzte Lanz vom Band rollte und die Firma von John Deere
geschluckt wurde. Töck. töck, töck: der Sound ist charakterisch, wie
überhaupt vieles an den kultig-urigen Kisten. 3 Lanz-Bulldogs
und 7 weitere Fabrikate von Hanomag, Fendt, Schlitter und IFA-Pinonier
besitzen die 5 Hirrlinger Schwungradfreunde, welche vor 10 Jahren vom
Bulldog-Virus infiziert wurden und seither gemeinsam Restaurierungen der
Oldtimer mit viel Begeisterung und Engagement fachmännisch vornehmen. Im
Hinterhof ihres Mitglieds von Glasermeister Egon Zug haben die Hirrlinger
Helmut Biesinger, Berthold Zug, Hans-Peter Boss und Hubert Bürkle eine
Werkstatt eingerichtet, wo gemeinsam in der knappen Freizeit an den alten
Traktoren montiert und gebastelt wird.

Mit der Flamme einer
Heizlampe erwärmt für uns Helmut Biesinger den Glühkopf seines
Einzylinder-Lanz-Bulldogs, Type D 7506 aus dem Jahre 1939 - genau dieses
vordere schnauzenähnliche Teil, das den Schlepper zur Bulldoge machte.
Nachdem der Dieselkraftstoff mittels Handpumpe nach Erreichen der Glühtemperatur
(650 °C) auf das Zündteller eingespritzt wurde steckt er das Lenkrad in das
Schwungrad und dreht ruckartig in Fahrtrichtung. Der Bulldog springt an. „Töck,
Töck, töck“ 800 Umdrehungen pro Minute bringt der liegende Einzylinder
seines Lanz im Leerlauf. Wie soll das funktionieren, ohne Ventile, ohne
Einspritzsystem, ohne jegliche Elektronik? 4,7 Liter Hubraum und 25 PS hat
das älteste Lanz-Gefährt der Hirrlinger Oldtimer-Freaks vorzuweisen.
Der Zweitälteste ist ein
Einzylinder-Lanz D 3506 aus dem Jahre 1940 mit 20 PS Leistung und 750
Umdrehungen pro Minute. Aus dem Jahre 1948 stammt der Einzylinder Lanz D
9506 mit 45 PS und 10,5 Liter Hubraum, welcher in Verkehrsausführung mit
Verdeck gebaut wurde. Der Straßenschlepper mit seinen tellergroßen
Scheinwerfern, mannshohen Hinterrädern, imposanten Kühlergrill und barock
anheimelnden Radabdeckungen wurde früher als Zugmaschine für die Plackerei
und tonnenschwere Lasten eingesetzt. Reine Straßenschlepper wurden längst
von den Lastwagen abgelöst.

So kennt man ihn
allerorts, den Lanz-Bulldog: Mauern bei den Pferdchen, klotzen beim Hubraum,
powern im Gelände. Eine brave Maschine, wenn da nicht das berühmte
„Umschmeißen“ wäre – wenn die Schwungscheibe im Leerlauf den Totpunkt nicht
mehr überwindet und plötzlich alle Gänge umgekehrt laufen – Kavaliersdelikt
und heissgeliebte Macke zugleich. Immerhin: Seine Getriebekonstruktion
machte das Gerät auf dem Acker damals zum universellen Werkzeug. Die
Schlepper der Hirrlinger Schwungradfreunde sind für Ackerfurchen und
sonstige Schwerarbeit inzwischen zu schade. Der Diesel im Tank ist mehr als
Gnadenbrot; liebevoll aufgepäppelt würden einige Prachtstücke heute für
mehrere zehntausend Euro gehandelt. Wenn sie denn gehandelt würden. Alter
und Pflege adeln das Arbeitstier von anno dazumal. Einige Exemplare sind für
die Hirrlinger Bulldog-Freaks unverkäuflich: Mehrere hundert Arbeitsstunden
und viel Geld für den Erwerb der Ersatzteile wurden in die Restauration der
aus Polen, Ungarn und Holland erworbenen Exemplare gesteckt. Sie sind der
ganze Stolz der 5 Hirrlinger, welche eine beispielhafte Kameradschaft
vorweisen und nach getaner Arbeit auch mal zu einem Bier gemütlich
zusammensitzen.

Ihr aktueller „Patient“
ist ein Lanz-Halbdiesel Modell D 6006, Baujahr 1959 mit 60 PS. Die
Besonderheit an diesem Bulldog ist, dass dieser mit Benzin gestartet wird
und beim Erreichen der Betriebstemperatur die Kraftstoffversorgung auf
Diesel umgestellt wird. Hier basteln die fünf „Mechaniker“ seit Monaten mit
einfachsten Werkzeugen herum, beschaffen sich passende Ersatzteile zum
Austausch und testen auf Biegen und Brechen bis das Gerät nach gelungener
Restauration wieder die ersten Umdrehungen macht. Ist die Funktion
gewährleistet kommt es zum Feinschliff und zur optischen Gestaltung.

Mittlerweile haben die 5
Hirrlinger zu vielen Bulldog-Clubs in ganz Deutschland Kontakte geknüpft und
besuchen sich gegenseitig bei den alljährlichen Schleppertreffen. Hierbei
wird gefachsimpelt und Erfahrungen ausgetauscht.
Derzeit plant das
Quintett als Höhepunkt des 10-jährigen Bestehens und für alle Freunde der
Acker-Oldtimer ein großes Bulldog- und Schleppertreffen, das am Wochenende
6. und 7. Juli dieses Jahres beim Hirrlinger Schützenhaus stattfindet. Die
Schwungradfreunde Hirrlingen erwarten hierzu ca. 150 – 200 Fahrzeuge und je
nach Wetter zwischen 2000 - 3000 Besucher. Jeder Teilnehmer, der mit seinem
alten Acker-Gefährt anreist erhält ein Gastgeschenk. Der älteste Bulldog,
die weiteste Anfahrt und die größte Gruppe werden ebenfalls mit einem Preis
ausgezeichnet.
Für die Kinder
wird vom Veranstalter ein Kinderschleppertreffen organisiert, d.h. jedes
Kind, welches sich mit seinem Tretschlepper daran beteiligt erhält eine
Urkunde als Erinnerungsgeschenk. Für technisch interessierte Besucher wird
am Sonntagnachmittag eine Vorstellung der historischen Fahrzeuge
vorgenommen. Profan wird wohl für die Besucher nach der Schau die Rückkehr
zum eigenen Vehikel werden: Kein Vorglühen, kein Umschmeissen, keine
ratschenden Gänge, keine Dieselwölkchen, kein Vibrieren in der Karosse – die
Segnungen der modernen Technik in der heutigen Zeit machen es möglich.
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Nachbericht zum großen Bulldog- und Schleppertreffen