Starke Jungs und Mädels alljährlich
im Tauziehfieber
In
Bad Imnau hat die Hobby-Rasensportart bereits Tradition
Muskelschmalz und gutes Schuhwerk sind gefragt.

Die Mienen der Männer
spannen sich an, ebenso die Adern auf ihren Oberarmen. Die tief profilierten
Schuhe sind mit den Absätzen in den weichen Grasboden eingeknickt. Die Hände
greifen versetzt zum Tau. Das gesamte Körpergewicht ist nach hinten
verlagert. Dann ein lautes Signal vom Turnierleiter: "Hau-Ruck“ und die
Kraftprobe beginnt. Plötzlich ertönt das Geschrei der Anhängerschar. Es ist
im ganzen Umkreis zu hören: „Zieh, Zieh, Zieh“ oder „Hau-Ruck“, „Hau-Ruck“,
„Hau-Ruck“ tönt es im ganzen Tal. Das Geschrei ist groß – die Spannung
steigt. Die Gesichtsausdrücke der Teams werden mit zunehmender Dauer
markanter. Das Blut der Akteure strömt schneller durch die Adern. Die
Zuschauern feuern die Hobbyathleten weiter an und wollen fast selbst zum Tau
greifen um dem Team zu helfen. Dann ein Aufheulen und ein Jubel – auf der
andern Seite Enttäuschung. Die erschöpften Sieger umarmen sich, klopfen sich
auf die Schultern, liegen aufeinander, jubeln – gut gemacht. Die Verlierer
am Boden zerstört - wie ein Häufchen Elend schauen sie zum Himmel – und
verlassen mit hängenden Köpfen den eingezaunten Ziehplatz.




Solche Szenen, in
denen Männer und Frauen an ihre körperlichen Grenzen gehen, sind alljährlich
beim Tauziehturnier des „Fördervereins“ Jugendhaus Bad Imnau zu beobachten.
Der Rasentauziehwettbewerb ist die Attraktion des Sommerfestes, das im
kommenden Jahr bereits in seiner 10. Auflage jeweils am 1. Juliwochenende
beim Sportgelände stattfindet. Zuvor war es der Bad Imnauer Tennisclub, der
den Tauziehwettbewerb als zusätzliche Attraktion aus der Taufe hob und ins
Programm des Sommerfestes mit aufnahm. Der Jugendclub führt seither das
Hau-Ruck-Spektakel mit Erfolg fort.
Von besonderem
Interesse ist der Mädchenwettbewerb, der stets eine Mords-Gaudi verspricht.
Junge Frauen und Mädchen aus befreundeten Jugendhäusern treten seit einigen
Jahren als weiteres Bonbon des Turniers gegeneinander an - sehr zur Freude
des starken Geschlechts. Die Stimmung erreicht dabei seinen Höhepunkt.



Ein Teilnehmer
erklärt interessierten Zuschauern fachkundig, worauf es beim Tauziehen
insbesondere ankommt: "Tauziehen ist ein absoluter Mannschaftssport. Extrem
wichtig ist, dass alle Akteure einer Mannschaft beim Ziehen immer eine
gleichmäßige Bewegung machen". Die gesamte Kraft werde darüber hinaus in den
Boden verlagert, in den sich die Tauzieher mit ihren Absätzen regelrecht
eingraben. Auf das Kommando des jeweiligen Trainers einer Mannschaft, der
den Gegner genau auf eventuelle Schwächen beobachtet, folgt dann eine
Offensivaktion um den Kontrahenten gänzlich aus dem Konzept zu bringen.

Die stärksten Jungs
beim Bad Imnauer Laientauzieh-Turnier waren letztendlich das Team "Pille-Palle"
aus Stetten bei Haigerloch, die sich gegen die "einheimischen
Tischtennisspieler“ durchsetzen konnten. Bei den Mädchen siegten die
„Grünen-Witwen“ aus Liebelsberg bei Neubulach/Schwarzwald.
Tauziehen gilt als eine der ersten Möglichkeiten eines
gewaltfreien Wettstreits unter den Menschen. Einfache Regeln und ein
geringer technischer Aufwand ermöglichten eine schnelle Siegerermittlung. So
wird der Tauziehsport bereits seit Generationen in Deutschland betrieben,
die ersten offiziellen Meisterschaften fanden 1913 in Kassel statt. Bis 1920
war Tauziehen sogar noch ein fester Bestandteil der Olympischen Spiele, bei
denen die deutsche Mannschaft 1906 in Athen die Goldmedaille gewann. Aus den
olympischen Sportarten verschwunden, findet diese noch immer exotische
Sportart jedoch seit 1981 durch die Aufnahme bei den World Games immer mehr
Beachtung in der Öffentlichkeit. Vor allem in Süddeutschland findet das
Tauziehen seit Jahren eine starke Verbreitung, in der Schweiz inzwischen
sogar den Charakter eines Nationalsports. Baden-Württemberg, Bayern und
Hessen zählen zu den mitgliederstärksten Landesverbänden. Aber auch in
Rheinland-Pfalz, Thüringen und im Saarland sind immer mehr organisierte
Vereine anzutreffen.




Neben den jährlich
stattfindenden Titelkämpfen und den verschiedenen Landesligen wurde 1984 die
Tauziehbundesliga eingeführt, in der sich die acht stärksten Mannschaften
messen. Diese haben inzwischen auch auf internationaler Ebene Anerkennung
gefunden und nehmen erfolgreich an Europa- und Weltmeisterschaften teil.
Anerkennung gabs auch
durch den Veranstalter beim Tauziehturnier in Bad Imnau. Die bestplatzierten
Teams erhielten bei der Siegerehrung Pokale, Preise und Urkunden.
Bei der
anschließenden Siegesfeier im und vor dem Festzelt knallten dann auch die
Korken. Ob nun mit Apfelsaftschorle oder Weizenbier - im harmonischen Kreis
der Tauziehsportler wurde mit allen Arten von Getränken auf den Verlauf des
Turniers und die Platzierungen angestoßen.


Die Krönung erfolgte
zum Schluß: Am Eyachstrand wurde beim Eintreffen der Dunkelheit das großen
Sonnwendfeuer entfacht - ein tolles Ambiente in sternenklarer Nacht. Im
andauernden Freudentaumel des Sieges denkt wohl noch niemand an den nächsten
Morgen, wenn nach dem Aufstehen Muskelkater, Hautverletzungen, Verspannungen
und weitere Blessuren den Alltag der Hobbytauzieher für einige Zeit belasten
werden. Doch beim nächsten Ziehen in einem Jahr sind wieder alle mit dabei –
bekanntlich heilt die Zeit auch beim Tauziehen die Wunden.
